ADHS wird in der klinischen Praxis primär über Verhaltensmerkmale wie Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität erfasst. Weniger im Fokus stehen hingegen zugrunde liegende kognitive Prozesse – obwohl zahlreiche Studien darauf hinweisen, dass auch diese wesentlich betroffen sein können.
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zählt zu den häufigsten neuroentwicklungsbezogenen Störungen und betrifft sowohl Kinder als auch Erwachsene (American Psychiatric Association, 2022; World Health Organization, 2022). Charakteristisch sind anhaltende Muster von Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität, die das Funktionsniveau in verschiedenen Lebensbereichen beeinträchtigen.
In der klinischen Praxis wird ADHS in erster Linie über diese beobachtbaren Verhaltensmerkmale beschrieben. Sie sind im diagnostischen Alltag unmittelbar zugänglich und bilden die Grundlage der Klassifikation nach DSM-5-TR und ICD-11.
Diese Perspektive ist essenziell – greift jedoch zu kurz.
Denn hinter den sichtbaren Symptomen stehen komplexe Prozesse der Informationsverarbeitung, die maßgeblich bestimmen, wie Aufmerksamkeit gesteuert, Reize verarbeitet und Handlungen reguliert werden. Diese Prozesse sind nicht direkt beobachtbar, beeinflussen jedoch maßgeblich das Verhalten im Alltag.
Aus kognitionspsychologischer Perspektive lässt sich ADHS daher als Störung grundlegender Regulationsmechanismen verstehen. Betroffen sind insbesondere die Stabilität von Aufmerksamkeit, die Kontrolle impulsiver Reaktionen sowie die Fähigkeit, Informationen effizient zu verarbeiten und flexibel auf Anforderungen zu reagieren.
Gerade diese Prozesse sind im klinischen Gespräch oft schwer zu erfassen. Sie zeigen sich häufig erst unter standardisierten Bedingungen oder in komplexeren kognitiven Anforderungen.
Damit rückt ein Aspekt in den Fokus, der in der Diagnostik lange eine untergeordnete Rolle gespielt hat: das individuelle neurokognitive Funktionsprofil.



