Sag' mir, wie du bist und ich sag' dir, wie du fährst

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20210915 SCHUHFRIED © Schiffleitner 3176

Die Forschung zeigt, dass Persönlichkeit ein wichtiger Faktor in der Verkehrssicherheit ist. Umso wichtiger ist eine systematische und detaillierte Erfassung der Persönlichkeitsdimensionen und hier kommt die Psychologie ins Spiel.

„Alles andere als Gentlemen“

Am 17.08.1896 veranschaulicht Arthur James Edsall bei einer großen Technikschau in London die Vorteile eines Automobils. Dazu veranstaltet er mit einem Roger-Benz eine Demonstrationsfahrt – und fährt dabei Bridget Driscoll zu Tode, als diese gerade die Straße überqueren will. Augenzeugen und Augenzeuginnen berichten, dass Edsall den Wagen „in rücksichtslosem Tempo fast wie ein galoppierendes Pferd oder Feuerwehrwagen“ (ca. 7 km/h) fuhr. Somit erlangte Bridget Driscoll als erstes Todesopfer eines Verkehrsunfalles traurige Berühmtheit.

Überlieferungen zufolge analysierte The Times später, dass „überdurchschnittlich viele Autofahrer alles andere als Gentlemen" seien. Der Duke of Beaufort gab angeblich daraufhin seiner Verachtung freien Lauf und wetterte "Erschießen, alle Autofahrer erschießen!"

Jedenfalls wurde A.J. Edsall nach der Anklage freigesprochen, der Untersuchungsbeamte sagte zum Abschluss des Verfahrens, er hoffe, dass so etwas nie wieder passieren werde.

Der Mensch denkt – der Mensch lenkt

Dass sich dieser Wunsch nicht erfüllte, wissen wir heutzutage. Wenngleich die Zahl der Getöteten im Straßenverkehr seit Jahrzehnten kontinuierlich sinkt, sind wir von der „Vision Zero“ noch ein gutes Stück entfernt. Verschiedene Disziplinen arbeiten dennoch weiter unermüdlich an diesem Ziel. Doch was kann die Psychologie eigentlich für einen Beitrag leisten? Reicht es nicht, wenn sich Techniker und Technikerinnen über Fahrassistenzsystem und Straßenbaugestaltung den Kopf zerbrechen? Wenn Mediziner und Medizinerinnen die Verletzungen analysieren?

Die Antwort ist nein! Denn der Faktor menschliches Fehlverhalten war und ist seit Jahren mit Abstand die häufigste Unfallursache im Straßenverkehr. Da sich die Psychologie als wissenschaftliche Disziplin mit dem Erleben und Verhalten des Menschen befasst, ist es daher naheliegend, dass auch sie ein fixer und wesentlicher Bestandteil der Verkehrssicherheitsarbeit ist. Dabei geht es neben der Abklärung der psychophysischen Leistungsfähigkeit auch um die Frage, welche individuellen Persönlichkeitseigenschaften ein verkehrsgefährdendes Verhalten mehr oder weniger wahrscheinlich machen.

 

Gut zu wissen:
Die „Vision Zero“ ist eine weltweite Strategie zur Vermeidung tödlicher und schwerer Unfälle u.a. im Straßenverkehr. Sie ist nach offizieller verkehrspolitischer Definition „das Bild einer Zukunft, in der niemand im Straßenverkehr getötet oder so schwer verletzt wird, dass er lebenslange Schäden davonträgt.“


Gut zu wissen:
Psychophysische Leistungsfähigkeit beinhaltet kognitive Funktionen wie z. B. Aufmerksamkeit, Informationsverarbeitung, Intelligenzfunktionen oder auch Reaktionsleistungen.

Machen Sie sich ihr eigenes Bild

Das Fahrverhalten wird von Emotionen, Motivationen und Persönlichkeit beeinflusst, wobei Persönlichkeit wiederum Emotion, Motivation und deren Auswirkung auf das Fahrverhalten beeinflusst. In der Praxis spiegelt sich das in bewussten und unbewussten Entscheidungen wider.

Der Mensch fährt, wie er lebt...
"Wenn sein Leben von Vorsicht, Toleranz, Voraussicht und Rücksicht auf andere geprägt ist, dann wird er auch so fahren. Wenn sein Leben nicht von diesen wünschenswerten Eigenschaften geprägt ist, dann wird auch sein Fahrverhalten nicht davon geprägt sein.“ (Tillmann & Hobbs, 1949).

Kevin ist 20 Jahre alt, hat seit 2 Jahren seinen Führerschein und fährt mit seinem 140PS starken Auto von einer Grillparty nach Hause. Er ist gerade gut gelaunt, denn er hatte mächtig Spaß, und auch sonst ist er mit seinem Leben zufrieden.

Kevin gibt Gas, weil er sich gut fühlt, und es Spaß macht auf der fast leeren Straße zu fahren. Er spürt den Zug des Fahrzeuges, wenn er Gas gibt. Seine Laune hebt sich weiter, Kevin ist fast im Flow (Emotion). Kevin sieht ein Stück weit vor ihm den roten Golf seines Freundes Christian, mit dem er eben noch auf der Party war. Er gibt noch weiter Gas, denn er ist ein „autozentrierter Typ“, das heißt Leistung und Macht sind ihm wichtig. Wäre doch gelacht, wenn er Christian nicht einholen könne (Motivation). Kevin ist von sich überzeugt, nicht risikoscheu, macht sich gerne auch mal seine eigenen Regeln und setzt auch schon mal seine eigenen Interessen durch, ohne sich großartig Gedanken um andere zu machen (Persönlichkeit). Also gibt Kevin Gas. Und was dann? Vielleicht kommt er gut zu Hause an, vielleicht auch nicht. Was denken Sie?

Kevin ist 20 Jahre alt, hat seit 2 Jahren seinen Führerschein und fährt mit seinem 140PS starken Auto von einer Grillparty nach Hause. Er ist gut gelaunt, denn er hatte mächtig Spaß, und auch sonst ist er mit seinem Leben zufrieden.

Auch wenn die Straße leer ist, will Kevin eigentlich nur die ruhige Fahrt genießen (Emotion). Er gibt also nicht Gas. Kevin sieht ein Stück weit vor ihm den roten Golf seines Freundes Christian, mit dem er eben noch auf der Party war. Er fährt nicht zu nah auf, denn er will seinen Freund nicht provozieren. Er sieht keinen Sinn im „PS-Kräftemessen“ (Motivation).  Er gibt nicht Gas. Aber warum eigentlich nicht? Weil ihm Regeln wichtig sind und weil ihm bewusst ist, dass sein Verhalten Auswirkungen auf andere hat. Weil er kein aggressiver Typ ist und emotional gefestigt (Persönlichkeit). Also gibt Kevin nicht Gas. Und was dann? Vielleicht kommt er gut zu Hause an, vielleicht auch nicht. Was denken Sie?

Fahren ist menschlich: Wie Persönlichkeit das Fahrverhalten beeinflusst

In unserer Geschichte haben wir es mit derselben Situationen, aber zwei unterschiedlichen Verhaltensweisen zu tun. Wie genau sich Persönlichkeitseigenschaften auf das Fahrverhalten auswirken, wurde bereits in zahlreichen Studien untersucht. Dabei konnten im Wesenlichen folgenden Zusammenhänge gefunden werden:

Risikobereitschaft

  • Geschwindigkeitsübertretungen
  • Trunkenheitsdelikte
  • Überholen an Überholverbote
  • Anzahl an Strafmandaten

Selbstkontrolle

  • Geschwindigkeitsübertretungen
  • Unfälle
  • Trunkenheitsdelikte
  • Verstoß gegen Gurtepflicht
  • Verkehrsverstöße allgemein

Psychische Stabilität

  • Unfälle
  • Trunkenheitsdelikte

Aggressionsneigung

  • Verkehrsverstöße allgemein
  • Unfälle
  • Bußgelder
  • Eintragungen im Verkehrszentralregister (VZR)

Gut zu wissen…
Unter Persönlichkeit versteht man „mehr oder weniger stabile individuelle Eigenschaften eines Menschen, die sein Handeln und somit auch das Verhalten beim Autofahren beeinflussen“ (Falkenstein & Karthaus, 2017), sie verändern sich im Laufe des Lebens zumindest geringfügig.

Warum Persönlichkeitstests unverzichtbar sind

In der Forschung zeigt sich deutlich, dass Persönlichkeit ein wichtiger Faktor in der Verkehrssicherheit ist. Umso wichtiger ist eine systematische und detaillierte Erfassung der Persönlichkeitsdimensionen. Genau hier kommt die Psychologie ins Spiel. Psychologische Methoden zur Erfassung von Persönlichkeitsdimensionen umfassen Exploration, Verhaltensbeobachtung und Daten aus Testverfahren.

Die Verhaltensbeobachtung ist eine systematische Beobachtung und Registrierung von Verhaltensweisen. Sie erfolgt in Hinblick auf bestimmte Kriterien, welche vom Setting abhängig sind. (Fahr)verhaltensbeobachtungen im Realverkehr beinhalten beispielsweise Kriterien wie Unfall, Beinahe-Unfall, Verkehrverstoß, Fahrfehler, Verkehrsangepasstheit u.a. Die Stärken dieser Methode liegen v.a. in der Abbildung von Kompensationsmöglichkeiten und deren verhaltensnaher Umsetzung. Die Schwachstellen von Fahrverhaltensbeobachtungen liegen v.a. in der mangelnden Standardisierung (Wetterlage, Verkehrsaufkommen, Vorkommen kritischer Ereignisse etc…), der Validität (Zuverlässigkeit des Ergebnisses), der oftmals unökonomischen Durchführung und des Gefährdungspotentials.

Verhaltensbeobachtung in der Exploration beinhaltet z. B. körperliche Anzeichen von Substanzkonsum, Blickverhalten, übermäßige Anspannung, Widerstand udgl. Hierbei besteht die Gefahr von klassischen Testleitereffekten, die durch bestimmte Erwartungshaltungen des Diagnostikers und der Diagnostikerin gekennzeichnet sind und bei ungenügender Reflektion zu Verzerrungen führen können.

Die Exploration als diagnostische Methode dient der Untersuchung von Persönlichkeitseigenschaften, Interessen, Werthaltungen, Einstellungen, Problemen und Denkweisen der Person. In der Exploration können aufgrund der hohen Anforderung an die verbale Kompetenz des und der Begutachtenden, der unterschiedlichen Befragungstechnik sowie angesichts möglicher Übertragungsphänomene, Störfaktoren (z. B. Suggestionen) auftreten, wodurch die Daten subjektiv gefärbt werden können. Aussagen über ein problematisches Trinkverhalten, stabile Veränderungen, etc. werden letztendlich durch das Explorationsgespräch erfasst, sollten aber durch Testergebnisse weiter abgesichert werden.

 

Persönlichkeitsverfahren sollen nicht die Exploration ersetzen und können dies auch nicht. Sie sind jedoch ein unverzichtbares Instrument um… 

  • weitere für den Begutachtungsprozess relevante Informationen zu gewinnen
  • etwaige subjektive Verzerrungen in der Exploration festzustellen
  • die Angaben aus der Exploration hinsichtlich Konsistenz oder Widersprüchlichkeit zu überprüfen
  • Anhaltspunkte für tiefergehende begutachtungsrelevante Explorationsthemen zu geben.

 

Die meisten Testverfahren zur Erfassung verkehrsrelevanter Persönlichkeitsdimensionen sind klassische Fragebögen. Diese stehen im Ruf, leicht verfäschbar zu sein.   

Moderne Persönlichkeitsfragebögen sind methodisch jedoch so weit entwickelt, dass Verfälschungstendenzen entweder von vornherein so gering wie möglich gehalten werden können oder alternativ sichtbar gemacht werden können. Falls Verfäschungstendenzen festgestellt werden, gibt das dem Diagnostiker wertvolle Hinweise: Mit Persönlichkeitsfragebögen wird das Selbstbild eines Menschen erfasst und zwar aufgrund jener Informationen, die er von sich preisgibt. Bei auftretenden Verfälschungstendenzen sollte der begutachtende Psychologe und die begutachtenden Psychologin zwischen impression management und self deception unterscheiden. Während impression management auf die Tendenz abzielt, ein sozial erwünschtes Bild zu erzeugen, geht es bei self-deception um eine verzerrte, aber subjektiv für richtig gehaltene Selbsteinschätzung (Paulhus, 1991; Verkasalo & Lindeman, 1994). Extrem vereinfacht würden sich diese Aspekte in unserem Beispiel mit Kevin folgendermaßen auswirken:  1) Kevin weiß, dass er gern mal zu schnell fährt, gibt aber bewusst an, dass die Geschwindigkeitsübertretung ein einmaliges Ereignis gewesen sei, weil er weiß, dass dies ein unerwünschtes Verhalten ist, und er kein schlechtes Bild von sich geben möchte (impression managment). 2) Kevin ist sich aufgrund einer inneren Schutzfunktion nicht bewusst, dass die gezeigte Geschwindigkeitsübertretung kein Einzelfallereignis ist, und negiert aus diesen Gründen weitere Delikte nicht normgerechten Verhaltens (self-deception).

Diese Informationen können sich im Begutachtungsprozess als wertvoll erweisen, einerseits für die Bewertung der Testergebnisse, aber auch für die Fortführung der Exploration bzw. Nachexploration.

 

Psychologen und Psychologinnen können so im Begutachtungsprozess über die Integration der unterschiedlichen Informationsquellen (Exploration, Verhaltensbeobachtung, Aktenanalysen, Testergebnisse) in Kombination mit ihrem Expertenwissen über das menschliche Verhalten, zu einer bestmöglichen Aussage über Ausprägung und Relevanz der verkehrssicherheitsrelevanten Persönlichkeitseigenschaften gelangen. Aufgrund der für das Klientel massiven rechtlichen und auch persönlichen Konsequenzen der Begutachtung bezüglich der Fahreignung, ist eine bestmögliche Absicherung der Beurteilung über valide Persönlichkeitsverfahren wie beispielsweise  IVPE-R, KEKS oder VIP von besonderer Wichtigkeit.

Åberg, L. (1998). Traffic rules and traffic safety. Safety Science, 29, 205-215.

Arnett, J. Offer, D. & Fine, M.A. (1997). Reckless driving in adolescence: Stait and trait factors. Accident Analysis and Prevention, 29, 129-143. https://doi.org/10.1016/S0001-4575(97)87007-8

Klipp, S. et. al (2008). DRUID WP 5 State of the Art on Driver Rehabilitation: Literature Analysis & Provider Survey. Available online: https://www.bast.de/Druid/EN/deliverales-list/downloads/Deliverable_5_1_1.pdf?__blob=publicationFile

Burton, V. S., Evans, T. D., Cullen, F. T., Olivares, K. M. & Dunaway, R. G. (1999). Age, self-control, and adult’s offending behaviors: A research note assessing a General Theory of Crime. Journal of Criminal Justice, 1, 45-54. https://doi.org/10.1016/S0047-2352(98)00035-X

Eysenck, H. J. (1965). Fact and fiction in psychology. Harmsworth: Penguine

Falkenstein, M. & Karthaus, M. (2017). Fahreignung im höheren Lebensalter. Sensibilisieren- Erfassen-Fördern. Stuttgart: Kolhammer

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Paulhus, D. L. (1991). Measurement and control of response bias. In J. P. Robinson, P. R. Shaver, & L. S. Wrightsman (Eds.), Measures of personality and social psychological attitudes (pp. 17–59). Academic Press. https://doi.org/10.1016/B978-0-12-590241-0.50006-X

Tillmann, W. & Hobbs, G. (1949). The accident-prone automobile driver; a study of the psychiatric and social background. Am J Psychiatry; 106(5):321-31. https://doi.org/10.1176/ajp.106.5.321

Verkasalo, M., & Lindeman, M. (1994). Personal ideals and socially desirable responding. European Journal of Personality, 8(5), 385–393. https://doi.org/10.1002/per.2410080504

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