Die psychischen Langzeitfolgen von COVID-19

Neuro

Long-COVID rückt vermehrt in den Vordergrund: Doch was genau ist darunter zu verstehen? Wie wird die Diagnostik und Behandlung von psychischen und kognitiven Beschwerden im Rahmen von Long-COVID durchgeführt?


Frau H. ist vor sechs Monaten an COVID-19 erkrankt und berichtet neben körperlichen Symptomen wie Kurzatmigkeit oder Muskelschmerzen auch über kognitive Defizite. Sie kann sich nur ein paar Minuten auf etwas konzentrieren, das Lesen von Texten ist kaum mehr möglich, beim Autofahren muss sie sehr wachsam sein und in größeren Gesprächsrunden fällt es ihr schwer zu fokussieren. Insbesondere in einer Familie mit drei Kindern, wo oft ein hoher Geräuschpegel herrscht, sind diese Konzentrationsprobleme belastend. Aber auch ihre Gedächtnisleistung hat sich verschlechtert. Termine muss sie sich ausnahmslos im Handy notieren und mehrmals am Tag nachsehen, damit sie keinen vergisst. Beim Einkaufen muss sie immer Einkaufszettel verwenden. Als außerordentlich belastend empfindet sie ihre Unfähigkeit, sich Zahlen und Abrechnungsvorgänge zu merken, da dies eine tägliche Anforderung im Rahmen ihrer Arbeit als Arztassistentin darstellt. Bis vor ihrer Erkrankung an COVID-19 hat sie Tätigkeiten in diesem Zusammenhang als eine ihrer Stärken angesehen. Neben diesen kognitiven Problemen kommt es vor, dass ihr während eines Gesprächs ein bestimmtes Wort nicht mehr einfällt, woraufhin sie in ihrem Redefluss stockt. An sich sind die kognitiven Defizite in ihrer Intensität stabil, wobei die wahrgenommenen Beschwerden jedoch auch tageszeitabhängig sind.


 

Frau H. ist leider nur eine von vielen Personen, die aktuell bei der „Long-COVID Ambulanz bei psychischen und kognitiven Beschwerden“ an der Klinik für Allgemeine Psychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg vorstellig werden. Wir haben mit der Leiterin der Ambulanz, Prof. Dr. Daniela Roesch-Ely, über Long-COVID und ihrer Arbeit mit davon betroffenen Personen gesprochen.

 

Was ist Long-COVID und wieviele Personen sind davon betroffen?

Daniela Roesch-Ely (DR): Die Guidelines des National Institute for Health and Care Excellence in Großbritannien (NICE)1 definieren das Post-Covid-19-Syndrom als eine Gruppe von Symptomen, welche während oder nach einer Infektion mit COVID-19 auftreten. Sie persistieren für mehr als 12 Wochen und sind nicht durch eine alternative Diagnose erklärbar. Die Gruppe von Symptomen kann fluktuieren und verschiedener Art sein. Zusätzlich zu den klinischen Definitionen wird die Terminologie ‘Long COVID’ häufig verwendet, wenn die Gruppe von Symptomen über die Akutphase hinaus weiterhin bestehen bleibt: Dies beinhaltet die Phase mit kontinuierlichen COVID-19 Symptomen (von 4 bis 12 Wochen) und die Post‑COVID‑19-Phase (mehr als 12 Wochen). Die Symptome können körperlicher, kognitiver und psychischer Natur sein.
Ein vor kurzem publizierter Übersichtsartikel2 zeigt eine geschätzte Prävalenz von Long-COVID zwischen 7,5% bis 41% (bei nicht hospitalisierten Erwachsenen). Die Zahlen sind jedoch noch heterogen und vorläufig. Prospektive Studien mit repräsentativen Stichproben sind weiterhin notwendig.

Gibt es bestimmte Risikofaktoren für Long-Covid?

DR: Die vorläufige Evidenz zeigt, dass weibliches Geschlecht, höheres Alter, Komorbiditäten (psychisch und somatisch), der Schwergrad der akuten Erkrankung (wird kontrovers diskutiert) und Adipositas mit Long-COVID assoziiert sind.

Weiß man schon etwas zu möglichen Schutzfaktoren, die Long-COVID vorbeugen oder zumindest mildern?

DR: Daten zu möglichen Schutzfaktoren gibt es kaum. Diskutiert wird eine gute physische Aktivität, welche das Risiko von Long-COVID reduzieren kann. Es fehlt generell noch an Evidenz bezüglich der protektiven Faktoren, der Effektivität von Behandlungsansätzen sowie der Präventionsmaßnahmen inkl. der Wirkung der Impfung auf die Entstehung des Long-COVID-Syndroms.

Was sind die häufigsten psychischen Beschwerden von Personen mit Long-COVID? Gibt es bestimmte Kernsymptome?

DR: Die Personen berichten über Erschöpfung (sog. Fatigue; siehe Box 1), reduzierte Lebensqualität und Alltagsbelastbarkeit, Schlafstörungen sowie diverse kognitive Störungen wie Wortfindungs-, Konzentrations- und/oder Gedächtnisstörungen. Zudem kommen noch affektive Symptome wie erhöhte Ängstlichkeit, Hilfslosigkeit und/oder gedrückte Stimmung.

Welche diagnostischen Methoden und Tests verwenden Sie?

DR: Wir führen eine ausführliche Krankheits- und psychiatrische Anamnese mittels strukturierter Interviews sowie eine neuropsychologische Testung durch. Dies beinhaltet die subjektive und objektive Erfassung der Kognition (u.a. Verarbeitungsgeschwindigkeit, Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Exekutivfunktionen) mittels standardisierter Tests im Papier-Bleistift- sowie im computergestützten Format (z. B. mit COGBAT). Des Weiteren kommen neben eines Screeningverfahrens zur Feststellung einer Demenz auch standardisierte Fragebögen zur Lebensqualität, Fatigue, Leistungsfähigkeit und Depression zum Einsatz. Bei Bedarf werden die Personen zur weiteren hirnorganischen Abklärung mittels MRT und EEG überwiesen. Dies erfolgt in einem multiprofessionellen Team.

Box 1: Fatigue nach COVID-19

Fatigue ist eine subjektiv oft stark einschränkende Erschöpfung auf somatischer, kognitiver und/oder psychischer Ebene, die unverhältnismäßig zu den vorausgegangenen Anstrengungen ist und sich durch Schlaf oder Erholung nicht ausreichend bessern lässt. Sie tritt auch nach einer Vielzahl anderer Viruserkrankungen auf. Zur Einschätzung der Symptomatik kommen Selbstauskunfts-instrumente zum Einsatz. Da die Ursachen der Fatigue unklar sind, wird aktuell nur eine symptomatische Therapie angewandt.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

DR: Es ist wichtig, die Person über die Long-COVID Symptome und den möglichen Verlauf psychoedukativ zu informieren und das Syndrom ernst zu nehmen. Vermittlung von Akzeptanz zu den Symptomen und Aufklärung über deren fluktuierende Natur ist ebenso bedeutend. Bei diagnostizierten psychiatrischen Erkrankungen empfehlen wir leitliniengerecht eine psychiatrisch-psychotherapeutische Anbindung. Darüber hinaus empfehlen wir die gezielte Behandlung der Schlafstörung, kognitives Training sowie weitere Behandlungsmöglichkeiten wie Physiotherapie, Rehabilitation und Anbindung an eine Selbsthilfegruppe. Außerdem empfehlen wir das Beibehalten eines gesunden Lebensstils mit gesunder Ernährung und angemessener körperlicher Aktivität. Wichtig hierbei ist es, sich nicht zu übernehmen, und sich weder zu über- noch zu unterfordern.

Was sind Ihre bisherigen Erfahrungen an der Ambulanz betreffend den Verlauf und der Prognose von Long-COVID?

DR: Wir sind dabei, die Personen nach dem ersten Kontakt zu einem Folgetermin einzuladen. Daten zu Verlauf und Prognose sind nicht vorhanden. Wichtig aus unserer Sicht ist es, die Personen in einem multiprofessionellen Behandlungsnetzwerk einzubinden, welches erlaubt, die Symptome frühzeitig zu erkennen und symptomorientiert zu behandeln. In unserer Region gibt es das Long-Covid Netzwerk (http://www.longcovidnetz.de/), über welches die Betroffenen und Therapierenden Information erhalten können.

 

Prof. Dr. Daniela Roesch-Ely ist:

  • Oberärztin an der Klinik für Allgemeine Psychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg
  • Ärztliche Leitung u. a. der Long-COVID Ambulanz bei psychischen und kognitiven Beschwerden
  • Co-Testautorin der Test-Sets COGBAT und CFSD sowie des Tests INHIB

Literatur:

1National Institute for Health and Care Excellence (NICE), the Scottish Intercollegiate Guidelines Network (SIGN) and the Royal College of General Practitioners (RCGP) (2022). COVID-19 rapid guideline: managing the long-term effects of COVID-19. https://www.nice.org.uk/guidance/ng188

2Nittas, V., Gao, M., West, E. A., Ballouz, T., Menges, D., Wulf Hanson, S., & Puhan, M. A. (2022). Long COVID through a public health lens: An umbrella review. Public Health Reviews, 43, Article 1604501. https://doi.org/10.3389/phrs.2022.1604501