Schizophrenie: Was neurokognitive Testung sichtbar machen kann

Neben Positivsymptomen wie Wahn oder Halluzinationen beeinflusst Schizophrenie häufig auch zentrale kognitive Funktionen wie Aufmerksamkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Arbeitsgedächtnis – ein Aspekt, der für Alltag und Prognose besonders relevant ist.

Schizophrenie wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig vor allem mit Symptomen wie Wahn, Halluzinationen oder formalen Denkstörungen in Verbindung gebracht. Diese Merkmale sind klinisch bedeutsam und prägen das klassische Bild der Erkrankung. Weniger sichtbar, aber ebenso relevant, sind jedoch kognitive Beeinträchtigungen, die bei vielen Betroffenen einen zentralen Bestandteil des Störungsbildes darstellen (McCutcheon et al., 2023; Vita et al., 2022).

Gerade diese Veränderungen sind für den Alltag oft von besonderer Bedeutung. Sie beeinflussen, wie Informationen aufgenommen und verarbeitet werden, wie flexibel auf neue Anforderungen reagiert werden kann oder wie gut komplexe Handlungen geplant und umgesetzt werden. Damit wirken sie sich unmittelbar auf Selbstständigkeit, soziale Teilhabe, berufliche Integration und Lebensqualität aus (Galderisi et al., 2014; Harvey & Strassnig, 2012; Dong et al., 2019).

Aus klinischer Perspektive reicht es daher nicht aus, Schizophrenie ausschließlich über psychotische Symptome zu verstehen. Für ein umfassendes Bild der Erkrankung ist auch das individuelle neurokognitive Funktionsprofil relevant. Genau hier setzt neurokognitive Testung an: Sie macht Funktionsbereiche sichtbar, die im Gespräch nicht immer eindeutig erfasst werden können, für Verlauf und Prognose jedoch hochrelevant sind (Vita et al., 2022).

Neurokognitive Veränderungen bei Schizophrenie

Kognitive Beeinträchtigungen gelten heute als ein wesentlicher Bestandteil von Schizophreniespektrumsstörungen. Anders als bei manchen anderen psychischen Erkrankungen treten sie nicht nur während akuter Episoden auf, sondern zeigen sich häufig bereits vor der ersten psychotischen Episode und bestehen oft unabhängig von akuten Positivsymptomen (McCutcheon et al., 2023).
Dies ist klinisch besonders bedeutsam, weil kognitive Einschränkungen damit nicht lediglich als Begleiterscheinung einer akuten Symptomatik verstanden werden können. Vielmehr stellen sie eine eigenständige und überdauernde Dimension der Erkrankung dar.
Aktuelle Forschung weist zudem darauf hin, dass diese Veränderungen über die Zeit vergleichsweise stabil bleiben (Ghanem et al., 2025). Das bedeutet nicht, dass keine Verbesserungen möglich sind, wohl aber, dass kognitive Einschränkungen ohne gezielte Diagnostik und Intervention häufig bestehen bleiben und das Funktionsniveau langfristig beeinflussen können.
Internationale Empfehlungen betonen deshalb die Bedeutung einer systematischen Erfassung kognitiver Leistungen. Insbesondere die Guidance der European Psychiatric Association hebt hervor, dass neurokognitive Funktionen im diagnostischen Prozess berücksichtigt werden sollten, da sie eng mit alltagsrelevanten Fähigkeiten sowie mit sozialer und beruflicher Teilhabe verknüpft sind (Vita et al., 2022).

Die Forschung zeigt konsistent Beeinträchtigungen in mehreren kognitiven Funktionsbereichen. Zu den zentralen Domänen zählen:

  • Verarbeitungsgeschwindigkeit
  • Aufmerksamkeit und Vigilanz
  • Arbeitsgedächtnis
  • Inhibition
  • kognitive Flexibilität
  • logisch-schlussfolgerndes Denken

Diese Bereiche sind nicht isoliert zu betrachten. Vielmehr greifen sie ineinander und bilden die Grundlage für zielgerichtetes Verhalten im Alltag. Wenn mehrere dieser Funktionen gleichzeitig beeinträchtigt sind, können bereits alltägliche Anforderungen deutlich erschwert sein.

Differenzierte Befundlage: kognitive Profile im Detail

Die empirische Befundlage zu kognitiven Veränderungen bei Schizophrenie ist umfangreich und über viele Jahrzehnte hinweg konsistent. Gleichzeitig zeigt sie, dass die Beeinträchtigungen nicht auf einen einzelnen Funktionsbereich reduziert werden können. Vielmehr betrifft die Erkrankung mehrere miteinander vernetzte kognitive Domänen, deren Ausprägung individuell unterschiedlich sein kann. Besonders deutlich wird dies, wenn einzelne Bereiche getrennt betrachtet werden.

Verarbeitungsgeschwindigkeit als zentrale Dimension

Als besonders häufig beeinträchtigte Fähigkeit wird in der Literatur die Verarbeitungsgeschwindigkeit beschrieben. Sie gilt in vielen Studien als basal betroffene kognitive Funktion bei Schizophrenie und spielt eine zentrale Rolle für Leistungen in weiteren kognitiven Domänen (Gebreegziabhere et al., 2022; Nuechterlein et al., 2004; Ojeda et al., 2012).
Verarbeitungsgeschwindigkeit beschreibt, wie rasch Informationen aufgenommen, verarbeitet und in angemessene Reaktionen umgesetzt werden können. Ist dieser Prozess verlangsamt, wirkt sich dies häufig nicht nur auf einfache Aufgaben aus, sondern auch auf komplexere Anforderungen wie Problemlösen, Aufmerksamkeit oder Arbeitsgedächtnis.
Gerade deshalb kommt dieser Dimension in der Diagnostik eine besondere Bedeutung zu. Sie kann als grundlegender Indikator verstanden werden, der hilft, kognitive Einschränkungen differenziert einzuordnen.
Auch klassische neuropsychologische Aufgaben zeigen in diesem Bereich deutliche Unterschiede zwischen Personen mit Schizophrenie und gesunden Kontrollgruppen (Mahurin et al., 2006). Die Erfassung der Verarbeitungsgeschwindigkeit liefert daher wertvolle Hinweise für die klinische Einschätzung und Verlaufskontrolle.

Psychomotorische Verlangsamung mitdenken
Eng mit der Verarbeitungsgeschwindigkeit verbunden ist die psychomotorische Geschwindigkeit. Forschungsergebnisse zeigen, dass psychomotorische Verlangsamung bei Schizophrenie häufig vorkommt und mehrere Facetten umfasst (Morrens et al., 2008; Osborne et al., 2020).
Dazu zählen unter anderem:

  • motorische Geschwindigkeit
  • Handlungsplanung
  • motorische Inhibition
  • Feinmotorik
  • Reaktionsauswahl

Diese Aspekte sind klinisch relevant, da sie sich direkt im Verhalten zeigen können – etwa in verlangsamten Bewegungsabläufen, reduzierter Handlungssicherheit oder erhöhter Zeitdauer bei alltäglichen Tätigkeiten.
Da psychomotorische und kognitive Verlangsamung eng zusammenhängen, ist es sinnvoll, beide Bereiche gemeinsam zu betrachten. Erst die Kombination beider Perspektiven ermöglicht ein umfassenderes Verständnis der tatsächlichen Belastung im Alltag (van Beilen et al., 2004).

Arbeitsgedächtnis als Schlüsselbereich
Neben der Verarbeitungsgeschwindigkeit zeigt sich das Arbeitsgedächtnis als zentral beeinträchtigter Bereich. Das Arbeitsgedächtnis ist entscheidend dafür, Informationen kurzfristig verfügbar zu halten und gleichzeitig mental weiterzuverarbeiten.
Diese Fähigkeit wird beispielsweise benötigt, um Gesprächen zu folgen, mehrere Handlungsschritte im Blick zu behalten oder neue Informationen mit bereits vorhandenem Wissen zu verknüpfen.
Einschränkungen im Arbeitsgedächtnis können daher erhebliche praktische Konsequenzen haben. Sie erschweren nicht nur komplexe Aufgaben, sondern auch scheinbar einfache Anforderungen des Alltags – etwa Terminorganisation, Orientierung oder das strukturierte Bearbeiten mehrstufiger Aufgaben.
Die Befundlage weist hier konsistent auf deutliche Unterschiede im Vergleich zu gesunden Kontrollgruppen hin (Lee & Park, 2005; Forbes et al., 2009; Ghanem et al., 2025), weshalb die Erfassung des Arbeitsgedächtnisses in der klinischen Diagnostik besonders relevant ist.

Aufmerksamkeit und Vigilanz
Auch Aufmerksamkeit und Vigilanz gehören zu den häufig beeinträchtigten Bereichen. Aufmerksamkeit beschreibt die Fähigkeit, relevante Informationen auszuwählen und störende Reize auszublenden. Vigilanz bezieht sich auf die Fähigkeit, Aufmerksamkeit über längere Zeit stabil aufrechtzuerhalten.
Sind diese Prozesse eingeschränkt, kann dies zu erhöhter Ablenkbarkeit, schneller Ermüdung oder Schwierigkeiten bei länger andauernden Aufgaben führen.
Im Alltag zeigt sich dies beispielsweise bei Gesprächen, in Arbeitsprozessen oder in Situationen mit vielen gleichzeitigen Reizen. Betroffene berichten häufig, dass es schwerfällt, den Fokus über längere Zeit zu halten oder Informationen zuverlässig zu filtern.
Gerade weil diese Einschränkungen im Gespräch nicht immer unmittelbar sichtbar sind, kann ihre objektive Erfassung einen wichtigen diagnostischen Mehrwert bieten (Nuechterlein et al., 2004; Ojeda et al., 2012).

Exekutive Funktionen: Flexibilität und Inhibition
Hinzu kommen Auffälligkeiten in exekutiven Funktionen, insbesondere bei Inhibition und kognitiver Flexibilität.
Inhibition beschreibt die Fähigkeit, automatische oder unpassende Reaktionen zu unterdrücken. Kognitive Flexibilität meint die Fähigkeit, zwischen Denkstrategien, Regeln oder Anforderungen zu wechseln.
Diese Funktionen sind entscheidend für adaptive Alltagsbewältigung. Sie werden benötigt, wenn Pläne angepasst, Fehler korrigiert oder neue Situationen bewältigt werden müssen.
Beeinträchtigungen in diesen Bereichen können dazu führen, dass Betroffene an einmal eingeschlagenen Handlungsweisen festhalten, Schwierigkeiten bei Veränderungen erleben oder impulsiv auf irrelevante Reize reagieren.
Gerade im Zusammenspiel mit verlangsamter Informationsverarbeitung können daraus deutliche funktionale Einschränkungen entstehen (Westerhausen et al., 2011; Bielecki et al., 2024; Mahurin et al., 2006).

Logisch-schlussfolgerndes Denken
Auch logisch-schlussfolgerndes Denken wird in der Forschung als relevanter Bereich beschrieben. Diese Fähigkeit umfasst das Erkennen von Regeln, das Ableiten von Zusammenhängen und das strukturierte Lösen neuer Probleme.
Im Alltag ist sie unter anderem für Entscheidungsfindung, Planung und das Verstehen komplexer Situationen relevant.
Einschränkungen in diesem Bereich können dazu beitragen, dass neue Anforderungen schwerer bewältigt werden oder Probleme weniger effizient gelöst werden können (Ghanem et al., 2025; Nuechterlein et al., 2004).

Warum neurokognitive Testung sinnvoll ist

Kognitive Einschränkungen sind im Gespräch nicht immer leicht erfassbar. Sie zeigen sich häufig nicht direkt in der Symptomschilderung, wirken sich jedoch stark auf Belastbarkeit, Selbstständigkeit und Teilhabe aus. Neurokognitive Testverfahren können hier einen wichtigen Beitrag leisten.

Ziel der neurokognitiven Testung bei Schizophrenie

Die neurokognitive Testung dient nicht der Diagnosestellung einer Schizophreniespektrumsstörung.

Ihr Nutzen liegt vielmehr darin:

  • individuelle Stärken und Schwächen sichtbar zu machen
  • kognitive Funktionsbereiche objektiv abzubilden
  • zusätzliche Hinweise für Behandlungsplanung und Prognose zu liefern

Sie schaffen damit eine Grundlage für fundiertere klinische Entscheidungen und eine stärker individualisierte Versorgung (Vita et al., 2022).

Abbildung in der diagnostischen Praxis durch die SFS Test Solution

Die SFS Test Solution „Schizophreniespektrumsstörungen – Neurokognitive Testung basiert auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie den Klassifikationssystemen DSM-5-TR und ICD-11 und dient der Erfassung zentraler kognitiver Funktionsbereiche bei Personen mit Schizophrenie.

Erfasst werden:

  • Aufmerksamkeit
    • Verarbeitungsgeschwindigkeit (TMT-S, Teil A)
    • Selektive Aufmerksamkeit (TACO)
    • Motorische und Reaktionsgeschwindigkeit (RT)
  • Exekutive Funktionen
    • Kognitive Flexibilität (TMT-S, Teil B)
    • Verbales Arbeitsgedächtnis (SPAN, Ziffernspanne rückwärts)
    • Interferenzneigung und Inhibition (STROOP)
  • Lernen und Gedächtnis
    • Verbales Kurzzeitgedächtnis (SPAN, Ziffernspanne vorwärts)
  • Logisch-schlussfolgerndes Denken (BMT)

Damit werden jene Domänen abgedeckt, die in der Forschung als besonders relevant und empirisch gut abgesichert gelten.

Fazit

Schizophrenie ist mehr als eine Störung der Wahrnehmung. Sie geht häufig mit tiefgreifenden neurokognitiven Veränderungen einher, die früh auftreten, zeitlich stabil sein können und wesentlich zum Funktionsniveau im Alltag beitragen.
Diese Veränderungen sind für Diagnostik, Behandlungsplanung und Prognose von hoher Relevanz. Neurokognitive Testung schafft hier einen objektiven Zugang, um individuelle Leistungsprofile differenziert sichtbar zu machen und klinische Entscheidungen fundierter zu unterstützen.

Literatur:

Bielecki, M., Tyburski, E., Plichta, P., Samochowiec, J., Kucharska-Mazur, J., Podwalski, P., Rek-Owodziń, K., Waszczuk, K., Sagan, L., Michalczyk, A., Rudkowski, K., Karabanowicz, E., Świątkowska, K., Misiak, B., Bąba-Kubiś, A., & Mak, M. (2024). Impulsivity and inhibitory control in deficit and non-deficit schizophrenia. BMC Psychiatry, 24(1), 473. https://doi.org/10.1186/s12888-024-05918-6

Forbes, N. F., Carrick, L. A., McIntosh, A. M., & Lawrie, S. M. (2009). Working memory in schizophrenia: A meta-analysis. Psychological Medicine, 39(6), 889–905. https://doi.org/10.1017/S0033291708004558

Galderisi, S., Rossi, A., Rocca, P., Bertolino, A., Mucci, A., Bucci, P., … Maj, M. (2014). The influence of illness-related variables, personal resources and context-related factors on real-life functioning of people with schizophrenia. World Psychiatry, 13(3), 275–287. https://doi.org/10.1002/wps.20167

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Ghanem, J., Watson, A. J., Aversa, S., Au-Yeung, C., Percie Du Sert, O., Starzer, M., Weibell, M. A., Hansen, H. G., Lavigne, K. M., & Lepage, M. (2025). Cognitive change 5+ years since the onset of a psychotic disorder: A systematic review and meta-analysis. Psychological Medicine, 55, e198. https://doi.org/10.1017/S0033291725100627

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Westerhausen, R., Kompus, K., & Hugdahl, K. (2011). Impaired cognitive inhibition in schizophrenia: A meta-analysis of the Stroop interference effect. Schizophrenia Research, 133(1–3), 172–181. https://doi.org/10.1016/j.schres.2011.08.025

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