Wenn Sekunden entscheiden

Die Auswahl geeigneter Berufskraftfahrender stand lange im Zeichen der klassischen Personalauswahl, die für den Job am besten geeigneten Personen sollten gefunden werden. Doch angesichts des massiven Fachkräftemangels in der Transportbranche hat sich die Zielrichtung verschoben.

Die Anforderungen an Berufskraftfahrende sind in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Während die Aufgabe früher oft als reine Fahrleistung verstanden wurde, zeigt die verkehrspsychologische Forschung, dass Verkehrssicherheit weit mehr von psychologischen Faktoren als von reiner Fahrpraxis abhängt.

Die Auswahl geeigneter Berufskraftfahrender stand lange im Zeichen der klassischen Personalauswahl, die für den Job am besten geeigneten Personen sollten gefunden werden. Doch angesichts des massiven Fachkräftemangels in der Transportbranche hat sich die Zielrichtung verschoben. Um dem Mangel an Berufskraftfahrenden entgegenzuwirken, sieht die neue EU-Führerscheinrichtlinie, welche Ende 2025 in Kraft treten soll, sogar die Herabsetzung der Altersgrenzen für Bus- und LKW-Fahrerinnen und -Fahrer auf 21 bzw. 18 Jahre vor. Diese Maßnahme eröffnet zwar neue Rekrutierungsmöglichkeiten, bringt zugleich aber erhebliche Herausforderungen mit sich.

Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass die Gehirnreifung – insbesondere jene Bereiche, die für Risikowahrnehmung und Impulskontrolle zuständig sind – erst im jungen Erwachsenenalter vollständig abgeschlossen ist (z.B. Steinberg, 2008). Damit rückt die psychologische Diagnostik stärker in den Fokus. Denn junges Alter und mangelnde Erfahrung sind nachweislich Risikofaktoren für Unfälle (Statistisches Bundesamt, 2021).

Transportunternehmen tragen durch Unfallereignisse nicht nur enorme wirtschaftliche Lasten – etwa durch Reparaturkosten, Ausfallzeiten oder Versicherungsschäden – sondern auch ein erhebliches Reputationsrisiko: Im Jahr 2020 wurden 22.420 Unfälle mit Personenschaden registriert, an denen mindestens ein Güterkraftfahrzeug beteiligt war. 616 Menschen verloren dabei ihr Leben, 5.469 wurden schwer und 23.797 leicht verletzt. Besonders alarmierend: Das Risiko, bei einem LKW-Unfall getötet zu werden, ist für andere Verkehrsteilnehmende fast viermal so hoch wie für die LKW-Insassen selbst. Hauptursachen sind Abstandsfehler (18,8 %), Fehlverhalten beim Abbiegen oder Rückwärtsfahren (17,9 %) sowie Vorfahrtsfehler (12,0 %) (Statistisches Bundesamt, 2022).

Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass 90 % aller Verkehrsunfälle auf menschliche Fehlleistungen zurückzuführen sind (Smiley & Brookhuis, 1987; Gelau, Gasser & Seeck, 2012). Neben technischen Sicherheitsstandards und infrastrukturellen Maßnahmen spielen daher insbesondere die kognitive Leistungsfähigkeit und die Persönlichkeit der Fahrenden eine zentrale Rolle für die Verkehrssicherheit. Genau hier setzt die psychologische Eignungsdiagnostik an. Sie ermöglicht es, die individuelle Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit von Berufskraftfahrenden objektiv zu beurteilen. Ein wesentlicher Aspekt ist dabei die Fähigkeit zur Überblicksgewinnung und Aufmerksamkeitskontrolle. Im Straßenverkehr müssen in Sekundenbruchteilen zahlreiche Informationen verarbeitet und Entscheidungen getroffen werden – vom Einschätzen von Abständen über das Erkennen von Verkehrszeichen bis hin zur Reaktion auf plötzlich auftauchende Hindernisse.

In Studien hat sich gezeigt, dass Überblicksgewinnung (ATAVT, ATAVT-2), reaktive Stresstoleranz (DT) und logisches Denken (z.B. INT oder AMT) gerade bei Berufskraftfahrenden als besonders prädiktiv für sicheres und effizientes Fahrverhalten zu werten sind (Vetter et. al, 2017).

ATAVT bzw. die Neuauflage ATAVT-2 aus dem Wiener Testsystem (WTS) erfasst die Fähigkeit, komplexe Verkehrssituationen schnell zu überblicken und relevante Informationen unter Zeitdruck korrekt zu verarbeiten – eine Schlüsselfähigkeit für sicheres Fahrverhalten. Studien zeigen, dass die Testergebnisse des ATAVT insbesondere mit Fahraufgaben, die eine rasche Wahrnehmung und flexible Reaktion erfordern korrelieren (Vetter et. al, 2017).

Im theoretischen Rahmen der GDE-Matrix (Hatakka, Keskinen, Gregersen, Glad & Hernetkoski, 2002) ist diese Fähigkeit der sogenannten taktischen Ebene zugeordnet – also der Beherrschung von Verkehrssituationen und der Anpassung des Fahrverhaltens an wechselnde Umgebungen. Wer hier Defizite zeigt, kann Risiken im Straßenverkehr schlechter einschätzen und neigt zu Fehlern in komplexen Situationen, etwa an Kreuzungen oder bei Spurwechseln.

Psychologische Testverfahren wie der ATAVT-2 leisten daher einen entscheidenden Beitrag zur Verkehrssicherheit und unterstützen Transportunternehmen dabei, geeignete Fahrerinnen und Fahrer zu identifizieren – nicht nur im Sinne der Eignung, sondern auch der Prävention. Gerade in Zeiten, in denen junge und unerfahrene Personen zunehmend hinter dem Steuer großer Fahrzeuge sitzen, ist die Kombination aus gezielter Ausbildung und wissenschaftlich fundierter psychologischer Diagnostik der wirksamste Weg, um Sicherheit, Effizienz und Verantwortung im Straßenverkehr nachhaltig zu gewährleisten.

 

Literatur:

  • Gelau, C., Gasser, T.M. & Seek, A. (2012). Fahrassistenz und Verkehrssicherheit. In H. Winner, S. Hakuli & G. Wolf (Eds). Handbuch Fahrassistenzsysteme und Verkehrssicherheit  (pp. 24-32). Wiesbaden: Vieweg und Teubner
  • Hatakka, M., Keskinen, E., Gregersen, N.P., Glad, A & Hernetkoski, K. (2002). From control of the vehicle to personal self-control; broadening the perspectives to driver education. Transportation research Part F, 201-215
  • Smiley, A. & Brookhuis K.A. (1987). Alcohol, drugs and traffic safety. In J.A. Rothengatter & R.A. de Bruin (Eds.). Road Users and Traffic Safety (pp.83-104). Assen: Van Gorcum
  • Steinberg, L. (2008). A social neuroscience perspective on adolescent risk taking. Developmental Review, 28, 78-106
  • Statistisches Bundesamt (DESTATIS). Unfälle von 18-24 Jährigen im Straßenverkehr 2020. (2021). Abgerufen am 06.11.2025. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Verkehrsunfaelle/Publikationen/Downloads-Verkehrsunfaelle/unfaelle-18-bis-24-jaehrigen-5462406207004.pdf?__blob=publicationFile
  • Statistisches Bundesamt (DESTATIS). Verkehrsunfälle. Unfälle von Güterfahrzeugen im Straßenverkehr 2020. (2022). Abgerufen am 06.11.2025 https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Verkehrsunfaelle/Publikationen/Downloads-Verkehrsunfaelle/unfaelle-gueterkraftfahrzeuge-5462410207004.pdf?__blob=publicationFile
  • Vetter, M., Schünemann, A.L., Brieber, D., Debelak, R., Gatscha, M., Grünsteidel, F., Herle, M., Mandler, G. & Ortner, T.M. (2018). Cognitive and personality determinants of safe driving performance in professional drivers: Transportation research Part F. 191-201

Newsletter

Newsletter

Bleiben Sie auf dem Laufenden, wenn es um neue Tests, praktische Tipps und Tricks rund um digitale Diagnostik oder interessante  Weiterbildungsmöglichkeiten geht.